Mount St. Helens

Jetzt muss ich es leider aussprechen: Unsere Reise neigt sich langsam ihrem Ende entgegen. Nur noch zwei Etappen liegen vor uns. Zuerst wollen wir besichtigen, was vom Mount Saint Helens übriggeblieben ist. Dann wollen wir auf dem Weg zurück an den Puget Sound noch bei den Gletschern des Mount Rainier vorbeischauen. Leider besagt der Wetterbericht für die kommenden beiden Tage aber wenig Gutes: Nebel und Regen. Regen wäre nur halb so schlimm, denn meist ist es nur ein leichter Sprühregen hier im Nordwesten. Soviel haben wir schon gelernt. Aber Nebel bedeutet: Der Berg wird nicht zu sehen sein. Wir spielen ein paar Alternativprogramme durch, kommen aber zu dem Ergebnis, dass wir es einfach mal probieren wollen. Am Mt. St. Helens gibt es mehrere Visitor Centers, die bestimmt auch bei schlechtem Wetter Spannendes über den großen Vulkanausbruch von 1980 präsentieren. Außerdem hatten wir bisher ein solches Glück mit dem Wetter, wenn das jetzt ins Wasser fällt, wäre es auch nicht mehr so schlimm. Also packen wir’s an, kaufen bei Elephant Deli noch ein leckeres Picknick ein und verlassen Portland.

Angekommen am ersten Visitor Center informieren wir uns mit Hilfe der Volcano Cam über die aktuelle Sicht oben am Johnston Observatory. Das Bild ist gleichmäßig grau. Einfarbig. Daneben steht ein Schild „Is the Volcano Cam broken?“, das erklärt, dass das Graue der Nebel ist, was zu befürchten war. Wir geben trotzdem nicht auf und fahren die gute Stunde hinauf zum Observatory. Kann ja jederzeit aufreißen, so kennen wir das Wetter in Washington jedenfalls.

Oben angekommen sehen wir natürlich: nichts. Es regnet, wir erreichen halb durchnässt das Visitor Center, und die Sicht beträgt gute fünf Meter. Also sehen wir uns erstmal einen Film über den großen Ausbruch an, der aber leider dramatisch schlecht gemacht ist. Auf den Schautafeln sehen wir zumindest, wie der St. Helens vor rund 35 Jahren noch aussah, ein schöner, immer schneebedecker Berg, wie heute noch der Mt. Adams und der Mt. Hood in der Nachbarschaft. Mit Ferienanlagen und Campingplätzen unten am kristallklaren, blauen Spirit Lake. Dann kam jener Tag im Mai 1980, als mit einem gewaltigen Erdrutsch zuerst die ganze Nordflanke des Berges ins Tal rutschte, und danach der Ausbruch des darunter seit über 130 Jahren ohne Auffälligkeiten schlummernden Vulkans alles Leben in vierzig Meilen Umkreis auslöschte. Zum Glück war man einigermaßen gewarnt, und nur einige Dutzend Menschen befanden sich in dieser Todeszone. Das Johnston Observatory, in dem wir uns jetzt befinden, ist benannt nach einem Mitarbeiter des Vulkan-Warndienstes, der an jenem Tag hier oben Dienst tat, und von dem nur sein letzter Funkspruch übrigblieb: „Vancouver, Vancouver, this is it!“ – dann nur noch Stille. Nach dieser Tragödie sah es hier oben aus wie auf dem Mond: Alle Bäume umgedrückt, in die gleiche Richtung vom Zentrum des Vulkans fortweisend. Alles begraben unter Asche. Der Spirit Lake in seiner Form komplett verändert, 200 Fuß höher als vorher, und komplett bedeckt mit Treibholz.

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In der Ausstellung im Visitor Center sind die Abläufe des Ausbruchs beeindruckend an einem großen Modell dargestellt. Originalfotos von Augenzeugen, und vor allem deren dramatische Geschichten werden uns in Erinnerung bleiben. Auch ohne Blick auf den Berg hat sich der Besuch schonmal ein wenig gelohnt, jetzt wollen wir zurück ins Tal fahren, um dort im unteren Visitor Center noch mehr zu erfahren.

Aber vorher gilt es noch ein paar Leben zu retten. Der Western Chorus Frog ist keine drei Zentimeter lang, und es scheint dieser Spezies hier oben recht gut zu gehen. Alle paar Meter tritt man beinahe auf einen, oder es ist schon jemand draufgetreten. Vom Aussterben scheinen die hier zwar nicht gerade bedroht zu sein, dennoch ist Simone hochbemüht einen kleinen grünen Gesellen über den gesamten asphaltierten Vorplatz des Observatory zu scheuchen, bis er endlich das schützende Gras erreicht hat. Ob er da überhaupt hinwollte? Auf jeden Fall gestaltet sich die Fortbewegung von nun an schwierig, müssen wir ständig nach den gut getarnten Mini-Fröschen Aussicht halten. Dennoch hat es sich gelohnt – Tagesfazit: Null tote Frösche unter unseren Sohlen.

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Nach dieser guten Tat fahren wir zurück zum Clearwater Lake, einem See, den es vor dem Ausbruch gar nicht gab. Da man Angst hatte, der See würde sich zu hoch stauen, und könnte dann den aus Erde, Lava und Asche bestehenden Damm irgendwann unkontrolliert einreißen und zu Tale donnern lassen, hat man ihm behutsam einen Ablauf hergestellt. Hier machen wir nun Brotzeit und essen unsere leckeren Focaccia. Und plötzlich reißt es hier unten tatsächlich auf! Sogar die Sonne lugt kurz durch. In Richtung Johnston Ridge sieht es immer noch recht trüb aus. Dennoch versuchen wir’s und fahren noch einmal die acht Meilen zurück. Am ersten Aussichtspunkt können wir nun schon auf den Fuß des Vulkankegels hinunterblicken! Es ist ein magischer Anblick einer wüsten, völlig unberührten Landschaft, auf der langsam wieder zartes Grün Fuß fasst.

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Die Sonne streift ein wenig über das Tal, und so strahlt das Grün zwischen den Lavaflüssen noch stärker.

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Am Rand des Bergrückens auf dem wir uns befinden, und auf den damals die Schlammlawine hinauf, und dann wieder hinunter schwappte, liegen noch einige entwurzelte Bäume, alle in der gleichen Richtung. Viele der Stämme sind zum Teil in Lava-Kies und Asche vergraben.

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Wir sind total froh, nochmal hier hinauf gefahren zu sein – von all dem hat man vorher rein gar nichts gesehen! Mittlerweile geben die Wolken sogar ein wenig den Blick in den nach Norden offenen Krater hinein frei. Dort lassen sich die kleinen Gletscher im Krater erahnen.

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Wir gehen eine gute Meile auf einem Wanderweg über den Bergrücken entlang. Ganz links erspähen wir ein kleines Eck des Spirit Lake.

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Und neben dem Grün gibt es hier auch schon wieder eine ganze Menge Blümchen.

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Mehr als diesen kurzen Blick gönnt uns der Mt. St. Helens heute aber doch nicht mehr. Von Westen sehen wir, wie der Regen wieder näher kommt. Kurz darauf packt der Nebel wieder das gesamte Tal ein. Wir marschieren zügig die gute Meile zurück zu unserem Auto, wo wir mit nassen Hosen ankommen, uns aber freuen, diese Szenerie doch noch zu Gesicht bekommen zu haben. Wir folgen dann dem Lauf der Lava Richtung Westen, wo wir noch einmal einen Blick über den erkalteten Lavafluss erhalten.

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Fazit für heute: Wer wagt gewinnt, und schlechtes Wetter gibt es nicht.

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