Spirit Lake

Harry Randal Truman muss zu Lebzeiten ein rechter Haudegen gewesen sein. Nachdem er zu Zeiten der Prohibition als zuverlässiger Schnappslieferant zahlloser Bordelle von San Francisco bis hinauf nach Kanada gutes Geld verdient hatte, betrieb er ab 1926 die Mount St. Helens Lodge am kristallklaren Spirit Lake. Als der seit über einem Jahrhundert ruhende Vulkan im März 1980 plötzlich starke Aktivitäten zeigte, der nationale Notstand ausgerufen und eine Evakuierung im Umkreis von 25 km angeordnet wurde, weigerte sich Harry R. Truman als Einziger, sein Haus zu verlassen. Er lebe hier seit 54 Jahren und würde lieber mit dem Berg untergehen, als ihn zu verlassen, lies er Journalisten wissen, die extra mit dem Helikopter einflogen, um den „Hüter des Berges“ zu interviewen. Am 18. Mai 1980 rutschte dann die Nordflanke des Berges ab, begrub die Lodge und ihren Hüter unter sich, auf dem Foto ungefähr mittig, jedoch 60 Meter unter Fels und Asche.

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Uns hat es heute doch noch einmal zurück zum St. Helens gezogen. Morgendliches Studium der Webcams vom Mount Rainier ergab: Am Visitor Center: Nebel. An der Lodge: Nebel. Am Westeingang: Nebel. Und am Osteingang: Nebel. Also warum zu Gletschern aufsteigen, die man dann nicht sehen kann? Statt dessen pirschen wir uns noch einmal an den Mount St. Helens an, diesmal von der Ostseite. Auch hier erwarten wir keine große Sicht, aber vielleicht doch wenigstens den Blick hinunter auf den Spirit Lake.

Die Straße hinauf zur Windy Ridge ist in grauseligem Zustand, verläuft aber durch fantastische alte Wälder. Wie ein Dach überspannen die Bäume die enge Straße, viele sind bis zum letzten Ast mit dunkelgrünem Moos überzogen, an anderen hängen meterlange hellgrüne Fäden. Die Böschungen sind ausnahmslos von Farnen bewachsen, es ist saftig grün. Den Weg zur Ostseite des St. Helens nehmen nicht viele, hier gibt es keine Besucherzentren, man kommt nicht ganz so nah an den Krater heran. Dafür durchquert man direkt die Blast Zone, den Bereich, in dem die Druckwelle den Wald und alles Leben komplett zerstört hatte.

Links der Straße befinden sich private Wälder, die nach dem Exodus wieder aufgeforstet wurden, und nun schon wieder eine stattliche Höhe erreicht haben. Rechts der Straße beginnt das National Volcanic Monument, hier hat man das Aufforsten der Natur überlassen. Zuerst durchqueren wir die Scorch Zone, wo zwar alle Äste weggebrannt, aber die Baumstämme stehen geblieben waren. Dann kommen wir in die Blow-down Zone, in der nach dem Ausbruch alle Bäume in der gleichen Richtung entwurzelt lagen. Auch heute kann man dies an einigen Stellen noch gut erkennen, wenn auch die Vegetation die Spuren der Katastrophe langsam verwischt. Einige Bäume überlebten auch im Windschatten der Hügel, oder da sie in Schneeresten vom Winter eingepackt waren.

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Wir erreichen den Bergkamm und erhalten einen ersten Blick hinunter auf den Spirit Lake. Auf dem Foto von links kommend hatte die Schlamm- und Gerölllawine den damals noch rund 80 Meter tiefer liegenden See verdrängt und eine knapp 180 Meter hohe Flutwelle den Hang rechts hochgeschoben. Beim Zurückschwappen riss diese Welle alle Vegetation mit sich. Der Spirit Lake war daraufhin fast komplett von totem Holz bedeckt. Diese Stämme sinken nun Jahr für Jahr langsam auf den Grund, momentan ist nur noch ein kleiner Teppich vorhanden, der sich je nach Wind und Witterung mal an der einen, mal an der anderen Seite des Sees aufhält.

Wir nehmen den Wanderweg hinab zum See. Erst seit wenigen Jahren darf das Gebiet wieder betreten werden, zunächst hatte man die Blast Zone komplett für Wanderer gesperrt, um Wissenschaftlern ein ungestörtes Erforschen der Folgen des verheerenden Ausbruchs zu ermöglichen. Nur an einer Stelle führt ein Wanderweg hinunter an den See, und praktischerweise hält sich der Teppich aus totem Holz zur Zeit gerade an diesem Ufer auf. Nur zwei weitere Paare haben sich heute für den Abstieg entschieden. Wir genießen die Stille und schauen lange über die vielen Stämme auf den See hinaus.

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