Der Sonne entgegen

Kommt die Sonne nicht zu uns, müssen wir eben zur Sonne fahren.

Unsere letzte Nacht in Vancouver steht bevor, danach werden wir die Pazifikküste verlassen. Ein guter Anlass, noch etwas die Küste abzuklappern. Wir verlassen Vancouver über die Lions Gate Bridge und folgen dem Highway Richtung Norden. Eine gute Stunde Fahrt ist es bis Squamish, einem kleinen Holzfäller-Nest am Ende des südlichsten Fjords Nordamerikas. Die Niederschläge der letzten Tage haben die Berggipfel über dem tiefblauen Fjord leicht angezuckert und bereits auf halber Strecke reißt die Wolkendecke auf und wir freuen uns über strahlend blauen Himmel. Die Luft im Schatten ist noch ziemlich zapfig, und die auf 350 Meter langen Kaskaden herabfallenden Shannon Falls erwandern wir zügig – um warm zu bleiben. Aber in der Sonne ist es nach einem verregneten Tag wie gestern natürlich wunderschön.

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In Squamish angekommen parken wir gegenüber der Polizeistation der Royal Canadian Mounted Police, zu erkennen am Funkturm auf dem Dach.

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Wir spazieren die blumengeschmückte Main Street einmal auf und einmal ab – die hohen Gipfel im Hintergrund dürften schon zu Whistler, dem Austragungsort der Alpinwettbewerbe bei den Olympischen Spielen vor vier Jahren gehören.

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Squamish liegt genau am Ende des Fjords und obwohl als Holzfällerstadt bekannt, kam uns auf dem Weg hierher noch kein einziger Holzlaster entgegen. Vor Ort wird klar warum: Die aus den Bergen kommenden Laster werden in Sqamish entladen und die Stämme in den Fjord geworfen. Dazu stehen Maschinen wie diese bereit, die die gesamte (!) Ladung eines LKW auf einmal greifen und abladen können! Im Wasser werden die Baumstämme dann zu Flößen verbunden und von Schleppern zur Weiterverarbeitung nach Vancouver gezogen.

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So kann man hier übrigens auch reisen: Alten Schulbus kaufen. Alles was schwimmt obendrauf packen. Los.

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In der Marina von Squamish sieht man noch einmal, wie nahe Meer und Gletscher hier beieinanderliegen. In Vancouver ist es gar mild genug für Palmen auf der Uferpromenade!

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In einigen Dingen weicht der Kanadier vom Amerikaner kaum ab: Ver- und Gebotsschilder werden immer gerne aufgehängt.

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Wir fahren wieder zurück nach Süden, machen einen kurzen Stopp am Fährhafen in Horseshoe Bay (einer tatsächlich hufeisenförmigen Bucht). Hier holen wir zunächst die Wolkendecke wieder ein – schade, tschüß Sonne… Aber nur kurze Zeit und ein Salamisandwich später strahlt sie auch über der Horseshoe Bay. Wir entscheiden uns für eine kurze Wanderung im Lighthouse Park, zum Leuchtturm und zurück. Kleine Buchten am Weg sind gefüllt mit Treibholz und den Flößern verlorengegangenen Stämmen.

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Praktisch denkend wurde die Halbinsel hinter dem schon im 19. Jahrhundert errichteten Leuchtturm frühzeitig unter Schutz gestellt, damit das Leuchtfeuer immer einen dunklen Hintergrund hat. Nur für das dampfbetriebene Nebelhorn wurde hier seitdem etwas Holz gefällt. So wurde ein Kaltregenwald mit vielen Metern Durchmesser starken Zedern erhalten. Umgefallene Bäume bieten noch Jahrzehnte den Nährboden für die neue Vegetation. Alles ist von saftig grünen Moosen überzogen und Steilhänge sind mit riesigen Farnen bewachsen. Von der Spitze der Landzunge eröffnet sich dann der Blick hinüber auf Vancouver, dessen Hafeneinfahrt der Leuchtturm hier bewacht. In der Mitte liegt grün der Stanley Park (den wir schon mit dem Fahrrad umrundet haben), rechts davon Downtown, links die Lions Gate Bridge.

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Nachdem wir mittlerweile auch die letzten Wolken verjagen konnten, und uns mit einem leckeren Cappuccino und einem unterarmgroßen Mandelcroissant gestärkt hatten, fahren wir noch in den Süden Vancouvers, um in der späten Nachmittagssonne eine Runde am Kitsilano Beach zu drehen.

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Hier ist es so schön, dass wir gleich zum Abendessen bleiben und uns im „Boathouse“ ein lecker Fischchen braten lassen.

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Die Segler draußen wissen dabei wahrscheinlich gar nicht, wem Sie das schöne Wetter heute zu verdanken haben. Sind wir doch nur für sie nach Squamish gefahren, um die Sonne zu holen.

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Um acht Uhr müssen wir uns dann von der Sonne doch wieder verabschieden.

Und pünktlich zur Neun-Uhr-Kanone liegen wir erschöpft von viel frischer Luft und mit müden Augen auf unserem Bett.

Mal sehen, wo wir die Sonne dann morgen wieder einfangen müssen. Ich denke, wir fahren ihr mal ein Stückchen entgegen – auf in den Osten!

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