Der Tag an dem ich drei Mal auf meine Frau hörte

Wir beginnen den Tag mit einer länglichen, landschaftlich etwas drögen Fahrt ab El Paso in Richtung Osten. Da alle Strecken, die von der mexikanischen Grenze ins Inland der USA führen, nach einige Meilen mit Kontrollstellen der Border Patrol ausgestattet sind, müssen wir uns dort beim Officer erstmal ausweisen. Nach ewig langem Geblättere in unseren Pässen findet er endlich den Visumsstempel und wir dürfen weiterfahren.

In den Guadalupe Mountains haben wir uns eine Wanderung herausgesucht, in einen Canyon, durch den ein echter Bach hinunterfließen soll, der eine grüne Ader durch die umgebende Trockenheit legt.

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Vorher informieren wir uns besser, was zu tun ist, wenn wir auf einen Berglöwen treffen. Die Wahrscheinlichkeit, im Lotto zu gewinnen, dürfte jedoch größer sein.

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Dann starten wir auf den Weg in den McKittrick Canyon. Es ist gaaaanz schöööön waaaarm. Aber angeblich soll es im Canyon ja Wasser geben, und Bäume, und Schatten. Angeblich.

Uns kommt ein amerikanisches Paar entgegen, mit dem wir uns kurz unterhalten. Unten auf dem Parkplatz standen nur zwei Autos, demnach sind wir auf dem Wanderweg so fast die Einzigen, da kann man schon mal ein paar Worte wechseln.

Zuerst erfahren wir, dass die Beiden den Weg zwar nicht allzu weit gelaufen sind, aber weit und breit kein Bach und kein Wasser und kein Schatten kommt. Prima!

Ich frage ihn, wo er herkommt, da sagt er: „From Wetzlar!“ – und seine Frau rollt die Augen – „Now you’ve got him started“.

Es folgt eine genealogische Abhandlung des Familienstammbaums väterlicherseits. Wie die Urgroßeltern über Texas in die USA eingewandert sind, und so weiter, und so weiter. Wenn auch etwas detailliert, war es ein nettes, sehr interessantes Gespräch – in brütender Hitze. Irgendwann zieht seine Frau ihn dann weiter und wir brechen auch wieder auf.

Mehrmals überqueren wir den Wash, den ausgetrockneten Bachlauf. Kein Wasser. Kein Schatten.

Bei einer weiteren Überquerung meint Simone dann, hier rieche es nach Meer (seeehr wahrscheinlich!).

Tatsächlich riecht es nach Meer.

Was da riecht ist der Bach, der wenige Meter über uns ganz ganz leise plätschernd durchs Kiesbett läuft, und vor unseren Füßen im Boden versickert. Dabei lässt er eine Art Schlick zurück, der – ja – eben nach Meer riecht.

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Den Wanderweg haben die Ranger zum Glück recht breit angelegt, das hält die Klapperschlangen fern. Nun, da im Tal Wasser fließt – wenn auch nur ganz wenig – wird es langsam grüner und richtig hohe Bäume spenden uns Schatten. Geht doch!

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Noch mehrere Male müssen wir den Bach überqueren.

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Es blüht sogar hier und da!

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Und es gibt lustige Bäume, die nur ganz unten am Stamm eine Rinde haben, und sonst irgendwie nackig sind.

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Nach vielleicht zwei Stunden erreichen wir die Pratt Lodge, ein Steinhaus, das sich der frühere Eigentümer dieses Stücks Land in den Canyon gebaut hat. Er hat das Land dann später dem Nationalpark vermacht. Hier gibt es aber außer Mücken eigentlich nichts, und so gehen wir zurück in den Canyon, wo wir in der Sonne picknicken. Richtig: In der Sonne, denn hier oben im Canyon ist es jetzt eigentlich ganz angenehm, und der Rücken ist so klatschnass geschwitzt, dass eine Rast im Schatten keine gute Idee wäre.

Wir hatten erwägt, den Canyon noch bis zu einem Ort namens Grotto weiterzugehen (eine Höhle vielleicht). Auf unserer Karte sehen wir aber, dass es zu weit für heute sein dürfte. Für den Nachmittag war auch eine Gewittergefahr angesagt, und wir müssen ja mehrmals den Wash queren, der dann vielleicht nicht mehr passierbar wäre. Wir gehen trotzdem noch ein bisschen weiter, denn der Weg hier oben ist schattig und schön.

Irgendwann schlägt Simone vor, umzukehren, und natürlich stimme ich ihr sofort zu.

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Auf dem Rückweg – bergab wandert es sich doch immer leichter als bergauf – laufen wir gerade in großen Schritten hinab, als Simone mich plötzlich am Arm reißt und „Schlange! Schlange!“ ruft.

Ich bleibe natürlich völlig ruhig.

Sicherheitshalber, und um Simone nicht zu ängstigen, mache ich aber doch eine groooßen Sprung nach hinten. Erst danach suche ich den Boden nach der angeblichen Schlange ab.

Da schlängelt sich doch einer der beiden Holzstöcke, auf die ich beim nächsten Schritt draufgetreten wäre, in den Busch!

Die Schlange sah zwar friedlich aus, aber drauftreten muss man dann ja auch nicht unbedingt.

Gut, dass ich immer auf meine Frau höre.

Seit wir umgekehrt sind, haben sich die Schönwetterwolken über dem Canyon immer dunkler gefärbt, und es sieht nun doch langsam ungemütlich aus. Kein Problem, der Parkplatz ist nicht mehr weit, nur noch ein Mal müssen wir den Wash überqueren (puh, jetzt kann uns der Weg nicht mehr abgeschnitten werden), wir spüren schon erste, warme Regentropfen.

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Flotten Schrittes gehen wir auf den Parkplatz zu, die wenigen Tropfen verdampfen sofort auf uns und auf dem Boden.

In exakt dem Moment, in dem wir das Auto erreichen, werden die Tropfen dicker. Wir schaffen es gerade noch, uns die Bergschuhe von den Füßen zu reißen und ins Auto zu springen, da blitzt und donnert es, und ein Gewitterplatzregen setzt ein, bei dem wir schon nach zwei Schritten klatschnass gewesen wären.

Das war perfektes Timing, denn ich habe ich ja auf meine Frau gehört, als sie gerne umkehren wollte.

Auf unserer Weiterfahrt folgt uns das Gewitter noch einige Meilen, und da kommt wirklich richtig Regen runter. Zum Glück geht die Straße stets leicht bergab, sodass das Wasser nirgends die Fahrbahn überfluten kann.

Letztlich erreichen wir die Carlsbad Caverns, die wir morgen erkunden möchten.

Am Abend steht aber noch ein ganz besonderer Programmpunkt an: der Bat Flight.

In der Höhle leben Millionen Fledermäuse. Die hängen den ganzen Tag an der Höhlendecke rum und haben am Höhlenboden schon Guano (also Fledermauskacke) in einer Höhe von 10 Metern angehäuft! Die Suche nach Guano (als Dünger) hat letztlich zur Entdeckung vieler der Höhlen hier geführt.

An den Caverns kann man nun jeden Abend dabei sein, wenn die Fledermäuse aus der Höhle ausfliegen, um die Nacht zum Fressen an der Oberfläche zu verbringen. Dazu wurde extra ein kleines Amphitheater über dem Höhleneingang gebaut, wo wir nun der Dinge harren, während die Dämmerung einbricht.

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Der Ranger erzählt noch dies und das (die Fledermäuse verbringen nur den Sommer hier, sie können bis zu 50 km/h schnell fliegen, Handy-Signale oder Kameras würden sie erschrecken oder ihre Navigation erschweren – also keine Fotos, wir sollen auch brav sitzen bleiben, damit wir die Nager nicht erschrecken), da geht es auch schon los: Eine erste Wolke an Fledermäusen fliegt in Spiralen gegen den Uhrzeigersinn aus dem Höhleneingang hervor. Zunächst kreisen sie noch kurz vor der Höhle und ziehen dann in Scharen Richtung Süden – dort, wo es die nächsten Wasserquellen gibt.

Es ist fantastisch! Über dem Höhleneingang schwirren Fledermäuse wie über einem Wespennest. Riesige schwarze Wolken schweben in Richtung Horizont davon. Es müssen Millionen sein.

Nach etwa zwei Minuten – wir sind immer noch völlig gebannt – gehen die ersten Besucher. Okay, wir haben auch Hunger, aber das Erlebnis kann man schon mal ein paar Minuten lang mitnehmen, oder? Interessanterweise gehen die Dicken zuerst. Nach fünf Minuten sind alle Dicken weg. Nach zehn Minuten – es kommen nach wie vor Fledermäuse über Fledermäuse aus der Höhle – gehen noch mehr. Irgendwann, so nach einer halben Stunde, packen wir es dann aber auch – es ist einfach noch kein Ende des Fledermaussturms abzusehen. Außerdem wird es bald so dunkel sein, dass wir sie gar nicht mehr sehen. Und, okay, wir haben jetzt auch wirklich richtig Hunger.

Wir fahren also die halbe Stunde nach Carlsbad zum Essen.

Auf der Heimfahrt ist es dann stockdunkel. Vor Wildwechsel wird gewarnt. Und schon steht ein Reh vor uns auf der Straße.

Während ich in die Eisen steige – das Reh guckt uns neugierig an – ruft Simone: „Hupen, hupen!“.

Ich hupe.

Das Reh läuft davon.

Nochmal gut gegangen.

Warum? Weil ich zum dritten Mal für heute auf meine Frau gehört habe.

(Dieser Text wurde vom Autor ohne Anwendung äußeren Zwangs aus freien Stücken verfasst.)

 

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