Letzter Tag

Nach der Morning Session auf dem Ballonfeld haben wir es gerade noch rechtzeitig kurz vor 10 Uhr ins Hotel geschafft, um uns ein anständiges Frühstück zu gönnen. Nun wollen wir unseren letzten Tag möglichst gemütlich ausklingen lassen.

Am Morgen starteten die Ballons zum Überflug der Sandia Crest, dem Gebirgszug östlich der Stadt. Dort kann man mit der Seilbahn rauf fahren, aber ebenso auch mit dem Auto – das machen wir!

Der Weg führt uns über den Turquoise Trail, die Nebenstrecke von Albuquerque nach Santa Fe, an der auch Madrid liegt, das nette kleine Örtchen, in dem wir vor genau drei Wochen diese Reise begonnen haben.

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Wir verlassen aber den Turquoise Trail, und steuern in Richtung Sandia Crest. Auf diesem Weg kommen wir am Tinkertown Museum vorbei, einer wunderbaren Ansammlung alter Skurrilitäten. Alles, was andere schon längst weggeworfen hätten, wurde hier zu einem Teil des Museums verarbeitet.

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Am Eingang erhalten wir eine Quarter-Münze, um die „Band“ in Betrieb zu setzen.

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Wir sehen uns die etwa zehn Meter lange Puppenstube an, in der so ziemlich alles untergebracht wurde, was nur ansatzweise in den Maßstab passte.

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Man kann kleine Knöpfe drücken, dann geht zum Beispiel im Outhouse die Klotür auf, oder der Geier schlägt mit den Flügeln, oder, oder, oder…

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Wir sind definitiv in New Mexico.

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Es folgt: Der Zirkus.

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Auch im Zirkus gibt es nichts, das es nicht gibt. Und wenn der Künstler irgendwo einen Zinnsoldaten übrig hatte, dann wurde der auch einfach irgendwo dazwischen gestellt. Hauptsache bunt. Sehr lustig anzuschauen.

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Zwischendurch werfen wir noch den ein oder anderen Quarter in die vielen, darauf wartenden Maschinen.

Hier Simone bei der Karriereberatung. Leider hat sie nur ein langweiliges „Doctor“ erspielt, wo es doch viel spannendere Berufe, wie Love Pirate, Dictator oder einfach Nudist gegeben hätte!

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Mein Horoskop, das eine andere Gerätschaft nach viel Gekurbel und Gedüdel druckfrisch ausgespuckt hat, sieht doch ganz positiv aus: Mein Leben sieht also aktuell etwas hum drum aus, aber Besserung ist in Sichtweite! Auch meine romantic disposition schätzt der Automat korrekt ein.

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Im angrenzenden Gift Shop gibt es nochmal authentische New Mexico – Deko.

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Draußen ärgere ich mich, dass der Medizinmann seinen Wagen hier leer abgestellt hat, verspricht Dr. Rattlesnake doch auch die Heilung von Hexenschüssen!

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Nach meiner Wahl zur Miss Tinkertown …

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… setzen wir schließlich die Fahrt hinauf auf die Sandia Crest fort.

Oben gehen wir einen kurzen Spazierweg zur Aussichtsplattform und wollen eigentlich nebenbei beide einen Apfel essen (zu wenig gefrühstückt…). Aber leicht bergauf gehen und gleichzeitig essen scheint irgendwie gerade gar nicht zu funktionieren. Wir sehen uns verdutzt und schnaufend an: Wie hoch sind wir hier eigentlich? Ein Schild am Besucherzentrum offenbart es schließlich: auf 3225 Meter Höhe! Kein Wunder also, dass wir hier so in’s Schnaufen kommen.

Der Blick von der Sandia Crest hinunter auf Albuquerque ist den mühevollen Weg (10 Höhenmeter ab Parkplatz) aber allemal wert!

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Schon auf der Fahrt nach oben hatten wir das Gefühl, durch ein halbes Dutzend Klimazonen zu reisen. Losgefahren in der Wüste, dann trockenes Gebüsch, plötzlich hohe Kiefernwälder durchsetzt von kleinen Espenhainen (die schon wunderschön herbstlich leuchten), landeten wir schließlich oben an der Baumgrenze.

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Wir drehen eine kleine Runde in Richtung Seilbahnstation, kehren aber bald um, da uns der Hunger zurück zu unserer Brotzeit treibt.

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In der Sonne bräuchte man die Jacke gar nicht, die strahlt so intensiv. Dennoch zeigt das Thermometer im Auto gerade mal 6 Grad an.

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Zu guter Letzt fahren wir den Berg wieder ein Stückchen hinunter, um an einem hübschen Picknickplatz zum letzten Mal auf dieser Reise zu brotzeiten. Wir genießen die Stille, die Einsamkeit, die Sonne, den blauen Himmel und den Pepper Jack Käse. Ein schöner Abschluss einer schönen Reise!

Epilog

Im Tinkertown Museum sprach uns ein Amerikaner an, dem wohl aufgefallen war, dass unser Auto zwar ein texanisches Kennzeichen, wir aber keinen texanischen Akzent haben. Und er war nicht der Erste, der von uns unbedingt wissen wollte, was uns auf unserer Reise denn am Besten gefallen hätte. Wir antworten dann meist ganz ehrlich, dass wir das gar nicht genau sagen können, denn es war so Vieles so toll.

Diesmal ernteten wir dafür einen ungläubigen Blick. Ob wir schon am Grand Canyon waren? Ja? Dann war es doch sicher der Grand Canyon, der uns am Besten gefallen hat. Okay. Gut. Danke. Bye.

Er hat das also praktisch für uns entschieden. Eigenartiger Kauz.

Aber so ist es eben. Die Landschaften, die sind immer wieder wahnsinnig beeindruckend. Aber meist lassen sie sich nicht vergleichen. Wir müssen da auch keine Top-10-Liste aufstellen, wie die Amis das halt gerne machen.

Und in Wirklichkeit sind es oft die kleinen, unscheinbaren Dinge, die für immer hängenbleiben: Schönes, Lustiges, Bewegendes.

Das zufällig mitgehörte Telefonat in Santa Fe zum Beispiel: „It’s beautiful! No humidity. No rain. No heat. Just beautiful!“. Oder die Straßenmusiker auf der Plaza.

Die vielen Briefe und gemalten Bilder in der Familienkapelle im Sanctuario.

Der Indianer, dessen Stimme kurz stockt, als er uns erzählt dass seine frühen Vorfahren in der Kirche hinter ihm Schutz suchten, dann darin ermordet wurden.

Die Klangkulisse auf dem Zug, das Rattern, Klappern, Zischen und die Dampfpfeife, die durch Mark und Bein geht. Das Ausruhen im heißen Thermalwasser nachdem wir den ganzen Tag durchgeschaukelt wurden. Wie wir an dem winzigen Tisch in der lauten, engen Brewery saßen, Pulled Pork Sliders auf dem Teller, und dazu Livemusik.

Als wir in Mesa Verde rund um die Kiva standen, und der Ranger uns aufforderte, die Augen zu schließen, und uns den vor Hunderten von Jahren hektisch verlassen Ort ganz lebendig vorzustellen: „Let it live!“

Die Wanderung in den Canyon hinunter, durch tiefroten Fels und bei stahlblauem Himmel und sich unten angekommen von der Indianermutti ihre Töpferkunst erklären zu lassen.

In der Painted Desert aus dem Auto zu steigen und ungläubig auf eine Landschaft zu blicken, die es sonst nur auf dem Mars geben kann.

Im hässlichsten Restaurant, dem Bau aus unverputztem Betonstein, an dem Tisch mit der Plastikfolie drauf, das beste italienische Essen der ganzen Reise vorgesetzt zu bekommen.

Der ständige Wechsel: Wüste und Kakteen, dann wieder Berge, Wälder, sogar Schnee. Aber auch Waldbrand, Sandsturm und monsunartiger Gewitterregen.

BBQ bei Rudy’s. Leckere Lachs-Burger und Super-Burritos. Chips & Guacamole in der Bar im Hinterhof in Downtown Tucson. Wie sie sich bei ‚Feast‘ gefreut haben, dass wir am zweiten Abend noch mal zu ihnen zum Essen kommen.

Der Pianist in Big Nose Kate’s Saloon in Tombstone, während sich draußen die Wild-West-Darsteller duellieren. Der Coffee Shop in Bisbee, in dem wir beim Warten in der Schlange komplette Lebensgeschichten erzählt bekommen. Den Einheimischen vor dem Coffee Shop zuzuhören, die sich hier abends einfach so zum Musikmachen treffen.

Stundenlanges Geradeausfahren, die am Straßenrand sitzenden Geier. Das Gefühl, in den abgelegenen Nationalparks, wie Chiricahua oder Guadalupe, praktisch allein unterwegs zu sein.

Die Kuh, die vor Erschöpfung schon das Maul voll Schaum hatte, weil sie im Cattle Guard feststeckte.

Der Typ mit den weißen langen Haaren und dem Bierbauch in der Brewery in Silver City. Wieder die Live-Musik. Das kleine Café, in dem man sich plötzlich wie auf Kuba fühlte.

Die vielen Tiere, die wir unterwegs gesehen haben, vor allem die Schlange auf dem Weg, und das Reh, das uns vors Auto springt. Die Millionen Fledermäuse. Der Abstieg in die Höhle.

Die weiße Wüste. Die Farben des Sonnenuntergangs.

Das Eis bei Caliches. Der Stand mit den Chilis. Die Pistazienfarm.

Und schließlich: Das Fauchen der Brenner im Morgengrauen, die kurze Hektik beim Start der Ballons und die plötzliche Ruhe, wenn alle in der Luft sind. Dann das letzte Picknick oben am Berg.

Es waren eben viele, wirkliche viele Dinge, die diese Reise besonders gemacht haben. Nur: Der Grand Canyon war es nicht. 🙂

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