Flussaufwärts

Die nächsten Tage wollen wir uns elegant wie die Lachse (jedoch einen Monat vor den Lachsen, mehr dazu später) immer flussaufwärts den Rocky Mountains zu bewegen. Wir starten im kleinen Städtchen Hope, wo wir das Othello’sche Tunnelquartett durchwandern wollen.

Der Chefingenieur dieser Bahnstrecke war ein rechter Shakespear-Fan und so gibt es zwischen den Stationen Romeo und Julia die Station Othello, nach der die nahegelegenen Tunnel benannt sind.

Seinerzeit kostete der Bau einer Meile Bahnstrecke rund 30.000$, doch diese Strecke schlug mit dem fünffachen zu Buche, mussten doch jede Menge Tunnel durch den Berg getrieben, Brücken und Lawinenverbauungen errichtet werden. Kurz vor dem Städtchen Hope war noch eine enge Klamm zu bewältigen, hier kam die Meile gar auf 300.000$.

Doch lange währte der Erfolg nach Fertigstellung nicht. Die Strecke wurde so oft von Bergrutschen und Felsstürzen verschüttet, dass man sie schließlich aufgab. Darum können wir jetzt durch die Tunnels hindurchlaufen und die wilde Klamm begehen – jedoch aktuell nur bis zum zweiten Tunnel, denn das reißende Wasser hat den Brückenpfeiler nach Tunnel 2 sichtbar schon zur Hälfte durch, und somit geht es hier momentan nicht mehr weiter.

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Keiner hat uns gesagt, dass man für diese Wanderung besser Taschenlampen mitbringt, und so tappen wir dem ersten Tunnelende entgegen, während leises Wasserrauschen ab und an den Puls etwas höher schlagen lässt, weil man nie weiß, ob man nicht gleich eine Ladung Wasser in den Kragen bekommt.

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Zwischen den Tunnels geht es ganz schön steil nach oben.

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Nach diesem kleinen Abstecher starten wir nun entlang des Fraser River landeinwärts. Das Tal ist wenig besiedelt, nur ein oder zwei kleine Orte verteilen sich auf 200 km Strecke (und wenn ich klein sage, meine ich auch klein). Trotzdem ist ganz schön was los: Entlang dem Fraser schlängelt sich der Trans Canada Highway (TCH), Kanadas einzige durchgehende Ost-West-Straßenverbindung.

Dazu kommen beiderseits des Flusses je ein Bahngleis. Die Bahnstrecken gehören zwei konkurrierenden Bahngesellschaften und sind ebenfalls die einzigen Ost-West-Verbindungen auf dem Gleis. Heute hat man sich geeinigt, die Gleise gemeinsam zu nutzen, auf einer Seite des Fraser River Richtung Osten, auf der anderen Richtung Westen. Ab und zu überholen wir unterwegs lange (also laaaaaange) Güterzüge, oft gezogen von mehreren Lokomotiven.

Die Züge werden uns auf der Reise auf jeden Fall weiter begleiten, hängt doch die Besiedlung und der wirtschaftliche Aufschwung Kanadas eng mit dem Eisenbahnbau zusammen – und das Land wurde eben entlang der Pässe und Täler erschlossen, durch die sich als erstes auch die Eisenbahn schlängelte. Das hektische Bing-Bing-Bing-Bing-Bing der Bahnübergänge und das Wooooot-Woooooot der Züge ist hier ein Dauerton, an den man sich schnell gewöhnt. Und ein bisschen weg vom Bahndamm herrscht ja dann auch ganz schnell Ruhe.

Auch die Straße braucht ihre Pflege, und so gibt uns die eine oder andere Baustelle Gelegenheit die heute bis zu 30 Grad warme Luft ins Auto hereinzulassen.

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Einen Stopp legen wir an der alten Alexandra Bridge ein, hier wechselt die Straßenführung vom West- aufs Ostufer des Fraser. Auf die Pfeiler der schon achtzehnhundertirgendwas erbauten Brücke (über die damals noch Pferde trabten und Kutschen zogen) wurde in den 1920ern eine neue gesetzt. Damals musste man noch in Serpentinen von der höher gelegenen Straße zur Brücke runter und am anderen Ufer wieder rauf fahren. Heute überspannt eine moderne Brücke ein paar hundert Meter südlich auf Straßenhöhe das ganze Tal.

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Der Spaziergang auf der alten Straße hinunter ist sehr schön, und ganz einsam steht dann nach einer Linkskurve die alte Brücke vor einem – und darunter rauscht der Fraser River hindurch.

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Am anderen Ufer ist die alte Straße schon kaum mehr auszumachen. Die alte Alexandra Bridge führt direkt ins Grüne.

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Zurück auf dem TCH geht es weiter Ostwärts. Irgendwann erreichen wir den Zufluss des Thompson River in den schlammigen Fraser River. Ab hier folgen wir dem Thompson.

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Anstelle des Zuges düst plötzlich ein Pickup auf Eisenbahnachsen um die Ecke: Der Streckenwärter dürfte den Fahrplan gut kennen.

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Orts- und Straßennamen werden hier auch gerne mal in der Sprache der Ureinwohner ausgeschildert. Meistens liest es sich, als hätte man die Buchstaben einfach gewürfelt.

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An unserem Etappenziel in Kamloops trennen sich die Gleise der beiden Bahngesellschaften, die einen haben ihre Strecke im Norden bei Jasper, die anderen etwas südlicher bei Banff über die Rocky Mountains gelegt. Bei immer noch 29 Grad genießen wir den Abend und lassen uns beim Mexikaner wie mittlerweile gewohnt eine Guacamole am Tisch zubereiten. Mit vollem Bauch geht es dann in’s Bettchen.

Dieser Camaro kommt übrigens aus den Northwest Territories, dem einzigen Staat mit Autokennzeichen in Form eines Polarbären.

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In Kamloops ist Samstags Farmer’s Market, wo wir uns mit allerlei Obst und Tomaten und Kuchen und … also viel Leckerem eindecken, für die nächsten Tage.

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Zwei Bretter auf den Pickup geschraubt, Mais rein, Schirm drüber, fertig ist der Marktstand.

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Und auch die Mounties sind da und wachen über das Marktgeschehen.

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Wir fahren weiter flussaufwärts. An der Mündung des Adams River in den Shoeswap Lake kommen zum Salmon Run alle vier Jahre mehrere Millionen Lachse vorbei, sodass man hier gleich ein Festival veranstaltet und Beobachtungsplattformen errichtet hat. 2014 ist so ein Jahr (im Folgejahr kommt vielleicht noch eine Viertelmillion, im zweiten und dritten Jahr nur ein paar Nachzügler). Dann ist der Fluss hier schwarz vor Fischen. Leider aber erst im Oktober. Ein bisschen hatten wir schon gehofft, vielleicht ein paar besonders sportliche Frühankömmlinge erspähen zu können, aber nix. Müssen wir wohl im Oktober noch mal herkommen…

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Salmon Arm ist unser nächstes Zwischenziel, ein echt verschlafenes Nest am Shoeswap Lake.

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Aber Wetter ist gut. 🙂

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Zur Strafe fürs Nichterscheinen haben wir uns gestern Abend ein paar Fische in die Pfanne werfen lassen – lecker Lachsforellen.

Die überzählige Energie kann ich heute morgen gleich abarbeiten: Schwellenklopfen am Last Spike Monument. Es steht geschrieben:

Here was driven the Last Spike
completing Canadian Pacific Railway
from Ocean to Ocean
November 7, 1855

Genau hier waren dem Bautrupp aus dem Westen leider die Schienen ausgegangen, und so blieb denen nichts anderes übrig, als auf den Trupp aus dem Osten zu warten, bis dann feierlich der letzte Nagel eingeschlagen werden konnte. Die Komplettierung der Strecke war für Kanada ein riesen Meilenstein – endlich verband ein eisernes Band das ganze Land von Ost nach West.

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Unser Tagesziel ist Revelstoke am Columbia River. Letztes Jahr standen wir in Astoria in Oregon an der Mündung des Columbia River in den Pazifik. Jetzt sind wir nahe seiner Quellen.

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Diese Bank wurde wohl für den Sasquatch gebaut…

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Nach der Fahrt durch zwei Klimazonen hinauf auf den Mount Revelstoke machen wir hier eine paar kleine Rundwanderungen durch Wald und Hochmoor…

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… und blicken hinüber ins ewige Eis.

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Der Feuerwachturm auf dem Gipfel ist im Winter in der Regel bis zur Spitze eingeschneit.

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Schon schön.

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Wir beenden den Tag mit einem anständigen Steak, sehen dem Vollmond beim Aufgehen zu und warten gespannt darauf, wie sich nun das Wetter entwickeln mag. Die 29 Grad gestern waren ganz schön warm. Die 22 Grad heute waren angenehm. Übermorgen soll es schneien.

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